OKSANA KYZYMCHUK

ART

 






   









                                                                                                                                       

                                                                                                                                                                                        Foto: Mario Zgoll

„Und alles passiert von selbst“ - Ein Portrait der Künstlerin Oksana Kyzymchuk

Jens-Philipp Gründler


Ein Portrait über die auf mannigfachen Feldern tätige Künstlerin Oksana Kyzymchuk zu schreiben, ist eine große Herausforderung, da ihr Œuvre so umfangreich und faszinierend ist. Um angemessene Worte für Kyzymchuks breitgefächertes Werk zu finden, bedarf es einer exemplarischen Herangehensweise. So soll in den folgenden Zeilen das Hauptaugenmerk auf die Fotografien sowie die grafischen Arbeiten gelegt werden, um anhand einer solchen Auswahl zu versuchen, den Antrieb hinter ihrem sowohl hochqualitativen wie auch quantitativ vielgestaltigen Output zu beschreiben. Mittels fast schon spielerischer Leichtigkeit bedient sich Kyzymchuk verschiedener Techniken und Materialien, welche sich zu einem grandiosen Gesamtwerk vereinen, einer mehrschichtigen Dimension der Kreativität. Unbefangen, unverkennbar und meisterhaft ist der Stil der in der Ukraine geborenen Malerin, Fotografin, Filmerin, Sängerin und Literatin, die mit ihren Luftgeistern auch Skulpturen erschafft. Hierbei beeinflussen sich die unterschiedlichen Medien wechselseitig, besonders Malerei und Fotografie gehen miteinander einher.

Kyzymchuks fotografische Portraits erinnern in ihrer eleganten Schlichtheit an in Stein gehauene Skulpturen, an aus rauen Felsen herausgeschälte Edelmetalle. Mit ihrer Kamera fängt die Fotografin nicht weniger als die Essenz, die Seelen der Abgebildeten ein, um diese auf humanistische und intime Weise voller Respekt widerzuspiegeln. Hier gibt es keinen Platz für Sensationslust, oder künstlerischen Exhibitionismus, stattdessen werden die beeindruckenden Viten, Lebensgeschichten der Menschen nachvollziehbar und auf herzerwärmende Weise spürbar. Blicken die Betrachter in die fotografierten Gesichter, entsteht ein Gefühl von Nähe, Unmittelbarkeit und ästhetischer Absolutheit. Vergleichbar mit Heiligendarstellungen aus der Frührenaissance erfasst das Auge hinter dem Objektiv eine schwer zu definierende, gewisse metaphysische Präsenz, etwas Geheimnisvolles, das in den Aufnahmen offen liegt. Es mag anmuten, als könne man sich während der Betrachtung in den Herzschlag, aber auch in die Ängste, Sorgen, Hoffnungen, in eine Art tiefer Religiosität der Gezeigten hineinfühlen. Genau darin liegt die künstlerische Meisterschaft, die zum Hebel wird, um die wahre Welt hinter den Dingen zum Vorschein zu bringen, möchte man diesen platonischen Vergleich bemühen.

Die naturalistische Ebene von Kyzymchuks Arbeiten offenbart sich durch ein hohes Maß an Empathie, welche beim artistischen Vorgehen, beim Abbilden des Natürlich-Humanen unabdingbar ist. Aus einer zartfühlenden Sichtweise heraus, lädt die Fotografin ihr Publikum in eine ganz eigene Welt ein, so etwa in die bäuerliche Kultur in der ukrainischen Provinz. Liebevoll aufgenommen, von hoher Sensibilität geprägt und emotional ansprechend sind die eindrucksvollen Fotografien der 1983 in Novovolynsk zur Welt Gekommenen. Monatelang bereiste Kyzymchuk ihre Heimat, um die dort lebenden Menschen in ihrer Umgebung zu portraitieren. Hierbei entstanden ikonenhafte, das einfache Leben darbietende Aufnahmen. Man sieht Kinder mit ihrer Mutter im Schnee, alte Männer beim Holzhacken, einen entrückt wirkenden Geigenspieler, einen vor Heiligenfiguren sitzenden, seine Orden stolz präsentierenden, ehemaligen Soldaten, Frauen mit selbstgemachten Körben oder bei der Arbeit am Webstuhl. Alle Portraits verbindet eine Art transzendentaler Expressivität, welche mit dem Realismus verschmilzt. Man erahnt augenblicklich, dass diese Menschen Kämpfernaturen sind, auch wenn manche der Impressionen melancholisch erscheinen. Diese auf dem Land oder in kleinen Städten Lebenden vermitteln den Eindruck von Permanenz, Präsenz und eine angenehme Spielart von Stolz, Stolz auf ihr Lebenswerk und die Geschichten, die sie erzählen. Kyzymchuk, deren literarische Texte von hoher Qualität sind, schrieb diese ukrainischen Erzählungen auf, veröffentlichte sie im Jahre 2016 in dem Fotoband Kindheit unter den Eichen.

Die individuelle Würde und Ernsthaftigkeit der Gezeigten wird auch deutlich, wenn der Betrachter auf Details stößt, die vom großartigen Humor der Künstlerin zeugen. Dieser schimmert immer wieder durch, sehen wir doch nicht nur sakral anmutende Portraits, sondern häufig auch lachende, vor Glück strotzende Individuen. Ernst und Witz machen Kyzymchuks Arbeitsweise aus, bilden komplementäre Paarungen. So lichtete Kyzymchuk eine Wäscheleine mit zum Trocknen aufgehängten Handtüchern ab. Eines davon zeigt den Hollywood-Schauspieler Johnny Depp in seiner berühmten Rolle als Captain Jack Sparrow. Auch wenn die Melancholie ein bedeutsames Element ihres fotografischen Werks darstellt, sorgt Kyzymchuk für einen interpretatorischen Freiraum auf Seiten der Betrachter und einen auf die Freiheit der abgebildeten Charaktere bezogenen Spielraum. Man ist geneigt zu sagen, dass alle charakterlichen Regungen, alles erdenklich Humane in den Bildern auftaucht. Keine Note wird ausgespart, die gesamte Klaviatur des Menschlichen bedient. Uns begegnen freie, stolze Persönlichkeiten, deren Blicke uns nichts verheimlichen, sondern dazu einladen, im Rahmen der Betrachtung eigene Geschichten zu ersinnen.        

Während ihrer Reisen durch die ukrainische Heimat, entdeckte Kyzymchuk, neben der Fotografie, andere Kunstformen. Sie begann zu schreiben, zu filmen und widmete sich dem Gesang. Indem sie sich unterschiedlicher Medien bediente, fand die Künstlerin neue Blickwinkel auf die Welt. Diesen Prozess vergleicht sie mit einer persönlichen Transformation, habe doch die Kunst eine ureigene Note, eine unnachahmliche Handschrift zu entwickeln und zu tragen. Inneres müsse nach Außen transportiert werden, so Kyzymchuk, denn die Nachahmung des bereits Vorhandenen sei sinnlos. Jemand, der die Kunst wahrhaftig lebt, machte oft eine Metamorphose durch, sah sich – durch welche Gründe auch immer – dazu veranlasst, eine individuelle Sprache zu kreieren. Mitreißende, atemberaubende Kunstwerke erkennen die Betrachter sofort, ohne immer sagen zu können, worin die Faszination liegt. Kyzymchuks Kreationen sprechen zu den Betrachtern, holen sie ab und begleiten sie während des Wahrnehmungsprozesses, geben ihnen Werkzeuge in die Hand, mit deren Hilfe Interpretationen oder ästhetischer Hochgenuss möglich werden. Auf diesem Wege erkennt man die Qualität von Kunst, erweckt sie doch etwas Unmittelbares, Unvergleichliches sowie Aufwühlendes. Ein Kunsterlebnis kann verschiedenartig ausfallen: Das sinnlich erfasste Werk bedingt nicht ausschließlich Genuss und Wohlgefühl, natürlich kann es auch schockieren oder abstoßend sein. Bei Kyzymchuks Kunst eröffnet sich den Betrachtern eine Ebene, die Heimatgefühle und tiefgründige Menschlichkeit vermittelt. In der Perzeption ihrer Fotos fühlt man mit den Portraitierten und spürt einerseits subtile Verletzlichkeit, auf der anderen Seite Stärke und Selbstbewusstsein. Kyzymchuk schöpft aus dem überbordenden Reservoir der Lebensfreude und -lust, was auch auf ihre malerischen Arbeiten zutrifft.     

Hochenergetisch, dynamisch und dennoch zurückgenommen, begegnen den Betrachtern einzigartige Formen, sorgfältig komponierte Farben wie auch klassische Motive. Die Linienführung in ihren Grafiken ist gekennzeichnet von radikaler Freiheit, die Farbpalette weist kräftige Töne auf und Kyzymchuks bildnerische Gestalten werden von Positivität, Frohsinn und Lebensbejahung getragen. Die Künstlerin erläutert ihre Herangehensweise wie folgt: „Einfach zur Ruhe zu kommen und dem Pinsel einen rhythmischen Takt geben.“ In Bezug auf die Literatur würde man von einem stream of consciousness sprechen, einer natürlichen Bewusstseinsströmung, die auch Unbewusstes einfängt. Oder von der écriture automatique, dem im Kontext des Surrealismus bekannt gewordenen, automatischen Schreiben. Surrealistisch sind Kyzymchuks Motive, erinnern an Picassos Grafiken oder an Marc Chagall. Aber auch zeitgenössische Künstlerinnen, wie die ungarisch-amerikanische Malerin Rita Ackermann kommen dem Betrachter in den Sinn.

Diese komparativen Koordinationspunkte sollen zwar genannt, aber nicht allzu schwer gewichtet werden, da Kyzymchuks Werk für sich spricht, und eine ganz eigene Signatur aufweist. Wichtig sei es bezüglich ihrer Arbeit, dass der Kopf frei und die Einstellung zum Bild von Offenheit geprägt sei. Diese Haltung merkt man den kleinformatigen Grafiken an, atmen sie doch Frische, Abenteuerlust und einen Hauch von artistischem Anarchismus, von Unbeschwertheit.


Insofern die Voraussetzungen stimmen, wenn also die künstlerische Freiheit vorhanden ist und die Gedanken frei umherschweifen können, geht Kyzymchuk zu Werke. Hierbei hilft ihr Diszipliniert, Humor und das Eintauchen in andere Kunstformen. So verrät die Künstlerin im Interview, dass der Musik im Rahmen des kreativen Prozesses eine enorme Bedeutung zukomme. Im Atelier läuft Klassik oder Jazz, aber es wird auch gesungen, hat sich Kyzymchuk diese Kunstform doch erschlossen. Gern singt sie ukrainische Lieder, wenn der Pinsel ruht. Der Wechsel zwischen den künstlerischen Medien und Ausdrucksformen scheint eine notwendige Bedingung zu sein, um Inspirationen zu erhalten. Von einem Allroundgenie, wie dem Regisseur, Maler und Musiker David Lynch heißt es, dass er den ganzen Tag nichts anderes mache, als von Kunstform zu Kunstform zu wechseln. Mal wird gemalt, dann wird an einem Film gearbeitet, daraufhin widmet er sich der Musik.

Zu beneiden sind derartige Ausnahmetalente, zu denen auch Oksana Kyzymchuk zählt, denn sie leben ihren Traum und verwirklichen sich ganz und gar selbst. So definiert die Künstlerin Kunst als Spiegel des Seele und nennt Gottvertrauen als einen wichtigen Impuls. Indem sich das Individuum der höheren Kraft öffnet, kann es zu deren Vehikel werden. Energie vermag durch das Innere zu fließen, eine Form von Liebe, die den kreativen Menschen Dinge erschaffen lässt. Immer wieder, wenn uns ein solcher Vorgang begegnet, wenn wir Zeuge von wahrhaftiger Inspiration werden, ergreift uns ein wohliges Erschauern. Denn in einem solchen Augenblick vermögen wir uns als Teil eines größeren Ganzen zu betrachten. Sowohl in der Rezeption als auch im Erschaffen von Kunst scheint dann alles auf ganz natürliche Weise zu geschehen. „Und alles passiert von selbst“, so drückt es Oksana Kyzymchuk aus, und dem ist nichts hinzuzufügen.   


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Die Spiegelung im Werk – Oksana Kyzymchuk im Gespräch

eXperimenta: Liebe Frau Kyzymchuk, Ihr künstlerisches Œuvre ist umfassend und faszinierend. Es erstreckt sich über die Bereiche Fotografie, Malerei, Literatur, aber auch die wunderschön kolorierten „Luftgeister“-Skulpturen zählen zu Ihrem Output. Könnten Sie freundlicherweise kurz schildern, wie Sie zum kreativen Schaffen kamen, und auf welchem Sektor Sie anfänglich arbeiteten?

Oksana Kyzymchuk: Lieber Herr Gründler, vielen Dank für Ihr Interesse. Ja, es war eine lange Entwicklung, seit ich nur denken kann. Als Kind sah ich mich als Künstlerin und träumte davon, Malerin zu werden. Es gab Zeiten, in denen ich, rational gesehen, meinen Traum aufgeben wollte, aber glücklicherweise bin ich noch dabei. Meine Kunst ist ein wichtiger Teil von mir. Nach dem zweiten Studium in Deutschland konzentrierte ich mich hauptsächlich auf das Medium Fotografie, indem ich meine Heimat monatelang bereiste. Hinterher entdeckte ich neue Kunstformen, zu denen ich einen natürlichen Zugang bekam. Unterwegs begann ich neben der Fotografie zu schreiben, zu filmen, zu singen.

Wenn man der Sache treu bleibt und diszipliniert arbeitet, geht die nächste Tür auf. Es ist nur wichtig, die Prioritäten zu richtigen Zeiten zu setzen und sich gleichzeitig nicht auf allzu viele Medien zu konzentrieren.

 eXperimenta: Jeden wahren Künstler treibt etwas an, denn ein solcher muss m.E. einen eigentümlichen Blick auf die Welt haben. Dieser entsteht aber erst nach und nach. Bezüglich Ihres Werks lässt sich eine ganz eigene Bildsprache ablesen. Würden Sie verraten, wie Ihr Motiv aussieht, Ihre Philosophie oder artistische Sichtweise, auch im Hinblick auf das Weltgeschehen?

Oksana Kyzymchuk: Die künstlerische Wiedergabe ist nichts anderes, als die Spiegelung von sich selbst im Werk, die persönliche Wahrnehmung der Welt, die Interpretation der Umwelt anhand der eigenen Sprache, sozusagen, das Projizieren des Inneren nach Außen. Es ist sinnlos das zu wiederholen, was schon längst vorhanden ist. Kunst verlangt die persönliche Transformation. Unter dem neuen Blickwinkel auf die Welt zu schauen, die neue Sprache, die eigene Präsenz der Form und Linie, der neue Klang muss immer eine persönliche Note in sich tragen. Ein Künstler zu sein bedeutet, nicht nur ein guter Handwerker zu sein, was auch erforderlich ist, sondern auch die geistigen Schänken offen zu halten, in sich hinein zu schauen, wo alle Antworten schon in der passenden Schublade vorhanden sind. Ich denke, dass es heute besonders schwer ist den Zugang zu sich selbst nicht zu verlieren. Im Rausch des Alltags und mit den Vorschriften der Gesellschaft fällt es uns schwer, sich mental abzugrenzen und sich zu fragen, was uns das Innere für Signale gibt.

eXperimenta: Der kreative Impetus geht mit einer ureigenen Herangehensweise einher und wirkt sich auch auf Techniken sowie Arbeitsmaterialien aus. Haben Sie diesbezüglich bevorzugte Mittel im Rahmen Ihrer Arbeitsweise?

Oksana Kyzymchuk: Mich inspiriert das Material, der Ursprung, die Geschichte, die Haptik des Stoffes, mit dem ich mich auseinandersetze. Ich gehe dabei sehr intuitiv vor. Meine Herangehensweise ist neu, diese Freiheit hatte ich erst vor etwa zweieinhalb Jahren für mich gewonnen. Ich neige nicht mehr zum Perfektionismus, sondern eher durch das Kindliche, Spontane, Intuitive möchte ich vor allem mich selbst überraschen. Wer soll sich schon über meine Werke wundern, wenn meine Kunst mich selbst nicht beeindruckt? Ich verstehe meine Arbeit immer mehr später. Nicht immer entsteht die Liebe auf den ersten Blick. Meine Kinder werden manchmal abgestoßen und dann zurück in die Familie geholt. Es braucht Zeit, sich mit dem Unbewussten auseinander zu setzen. Ich muss mich selbst in meiner Kunst entdecken, die Themen, die sich wiederholen, die Symbole, die Farbpalette, die zu verschiedenen Phasen so unterschiedlich zusammengestellt ist. Ein künstlerisches Feld ist grenzenlos und unerschöpflich. Ich verwende oft alte Briefe, schwarz-weiße Fotos, die alten Dokumente. Es braucht manchmal Zeit, bis man das Material entdeckt und sich von dem Stoff inspirieren lässt, bis das fertige Kunstprodukt sich festlegt. So war auch mit meinen bemalten Schmuckketten, oder mit den Austernschalen, die mich durch die feine porzellanartige Struktur angesprochen hatten, und die ich mit Linien und Strukturen zeichnerisch verzierte. Es geht immer um den Ursprung, wer wir sind und wo und auf welche Art und Weise das Material geboren wurde. Einfach über die Grenzen hinaus schauen..

eXperimenta: Ihr 2016 erschienener Bildband „Kindheit unter Eichen“ fand große Beachtung und enthält auch einen Erlebnisbericht. Die atemberaubenden Fotografien zeugen von großer Liebe zum Sujet und den Portraitierten. Auf dokumentarische Weise kommen Sie den Menschen, die Sie begleiteten, sehr nahe. Wie war es, auf diese fast schon intime Art und Weise zu arbeiten?

Oksana Kyzymchuk: Es war eine sehr bereichernde Zeit, die mich veränderte. Ohne diesen Pilgerweg wäre ich nicht Oksana von heute und in meiner grafischen bzw. malerischen Vorgehensweise wäre ich heute nicht so frei. Alles hängt eng zusammen. Es waren tolle Menschen, denen ich auf meinen Reisen begegnete. Es waren schwere Schicksale, freudige Situationen, das Leben mit vielen Farben und Kontrasten. Ich lernte nicht nur das Menschliche, sondern auch mich selbst besser kennen. Es war nichts anderes wie Selbstsuche. Erst später hatte ich es begriffen. Man kann nicht in zwei Worte fassen, was ich während insgesamt einem Jahr auf Reisen erlebte. Neben der Anstrengung wurde ich immer mit herzlichem Empfang und Vertrauen belohnt. Nicht nur die Türen gingen auf, sondern auch die Herzen. Es waren sehr kostbare Erfahrungen, die ich nie missen möchte.

eXperimenta: Auch Ihr malerisches Werk ist von intimen Momenten geprägt. Beeinflussen sich Fotografie und Malerei wechselseitig?

Oksana Kyzymchuk: Wie schon gesagt, wäre ohne die realistische Fotografie meine freie Entwicklung in der Grafik und Malerei nicht möglich. Das Vertrauen zu den Menschen, zu Gott, bzw. zur höheren Kraft und zu sich selbst brachte mich zu der neuen Ausdrucksform, die ich heute ausübe. Meine realistische Fotografie zeichnet sich durch menschliche Nähe aus, ohne die menschliche Würde zu verletzen, dabei ganz im Moment zu sein. In meinem malerischen Werk bin ich auch im Moment voll dabei, indem ich meine Linie ununterbrochen auf dem Papier tanzen lasse. Es geht hier auch thematisch um menschliche Beziehungen, die Liebe, Spiritualität, Natur. Große Bedeutung hat auch das Spiel der Kontraste, Differenzen und Gemeinsamkeiten.

eXperimenta: In der Betrachtung Ihrer Zeichnungen kamen mir zuerst Vergleiche mit Picassos grafischem Werk in den Sinn. Aber auch an die Arbeiten der ungarisch-amerikanischen Künstlerin Rita Ackermann musste ich denken. Haben Sie künstlerische Vorbilder?

Oksana Kyzymchuk: Es ist mir lieber, wenn meine Kunst Oksanas Kunst genannt wird. Sicher nehmen wir wie mit der Muttermilch Einflüsse von Außen auf. Jeder kennt die Kunst von Pablo Picasso und vor allem seine künstlerische Freiheit und Vielfalt. U.a. hatte ich seinen künstlerischen Werdegang sorgfältig studiert. Sicher verfolge ich die neuen Kunstrichtungen und lasse die neuen Inspirationen auf mich wirken. Es bedeutet nicht, dass fremde Werke und Stile kopiert werden, sondern im neuen Kontext wieder abgerufen. Immer aufs Neue sich hineinstürzen und sich überraschen lassen. Ich finde es höchst uninteressant, Werke nachzuahmen. Es ist aber sehr wichtig in der Kunst zuhause zu sein, möglichst viel aufzunehmen, die Komposition wahrzunehmen und zu lesen. Mein erstes Studium der Kunstgeschichte und meine weiteren Umwege im Bereich der Kunst waren bei der Entwicklung eines Kompositionsgefühls sehr hilfreich.


eXperimenta: Auffallend ist, dass Ihre Grafiken von kleinem Format, etwa von Briefgröße, sind. Wie kamen Sie dazu, derartige Miniaturen zu kreieren?

Oksana Kyzymchuk: Es gibt eine plausible Erklärung. Von einem Freund bekam ich eine Kiste mit alten schwarz-weißen Fotos und mit Briefen. Die ganz persönlichen Dokumente sollten entsorgt werden. Es hat mir schon immer weh getan, wenn alte Fotoalben nach dem Tod der Angehörigen einfach weggeworfen werden. Ich fühlte einen persönlichen Bezug. Somit lasse ich mich von der Linie, von den Flecken, Rissen auf dem Papier, der Schreibweise und der Handschrift inspirieren und auf diese Art und Weise möchte ich diese vergangene Zeit ein Stück retten und neben meiner malerischen Arbeit verewigen.

eXperimenta: Thematisch und motivisch handelt es sich bei Ihren Zeichnungen zum Beispiel um bukolische Szenen, aber auch die Erotik spielt eine große Rolle. Könnten Sie erläutern, auf welchem Wege Sie Ihre Themen und Motive wählen?

Oksana Kyzymchuk: Es geht um die Erotik, es geht um die menschliche Nähe, um das Teilen und Zusammensein, um das harmonische Zusammenspiel von Yin und Yang. Ich erlaube es mir zu behaupten, dass meine Kunst ein Stück mehr weiblich als männlich ist. Alma Mater, eine Göttin, eine Mutter, eine monumentale Frau steht im Mittelpunkt. Die starken Frauen, denen ich auf meinen Reisen begegnete, zeigten mir die grenzenlose Liebe und die Fähigkeit sich zu verschenken. Die Besucherinnen meiner Ausstellungen sehen mehr die Sinnlichkeit im Bild, die männliche Wahrnehmung entschlüsselt auf den ersten Blick mehr den erotischen Aspekt. Es bedeutet nicht, dass meine Werke die Männer weniger ansprechen, sondern es gibt Abweichungen in der Interpretation der Dinge. Ich freue mich, wenn verschiedene Interpretationen zugelassen werden. Jeder handelt und fühlt aus den eigenen Erfahrungen. Die freie Interpretation des Betrachters ist mir wichtig, damit er sich hineinversetzen und sich selber im Motiv entschlüsseln kann.

eXperimenta: Ihr Werk, das fotografische wie auch das malerische, zeugt von einer gewissen überbordenden Lebenslust. Ein eigener Stil ist unverkennbar, insbesondere im Hinblick auf die Gestaltung der Gesichter. Mittels meisterhafter Linienführung erzeugen Sie Prägnanz und Unverwechselbarkeit. Kann man sagen, dass die in der Ukraine entstandenen Fotografien eine Art Essenz Ihres Schaffens darstellen, einen Kern – oder eine Heimat – zu dem Sie wieder und wieder zurückkehren?

Oksana Kyzymchuk: Ja, ich strebe nicht mehr nach der äußeren Schönheit bei der Darstellung meiner Figuren. Die Grazie der Linie, fließende Form, der Mensch und die Natur, die Vergänglichkeit, die Liebe als die Essenz des Lebens, die bukolischen Szenen mit dem Streben nach Ruhe und Harmonie. Die Betrachter sollen direkt berührt werden. Ja, sicher, es hat mit mir und mit meinem Ursprung und mit meinen Begegnungen zu tun, die mich zum neuen Menschen „erzogen“ haben. Wir sind im stetigen Wandel und es ist gut so. Zwar lebe ich schon seit fünfzehn Jahren in Deutschland, aber ein großer Teil meines Herzens gehört weiterhin meiner Heimat. Die ukrainische Sprache, die Gesänge, die Luft dort und der weite ukrainische Himmel mit den Kornfeldern und mit den leuchtenden Sternen. Ohne Fragen ist die Ukraine mein Kraftort. Alles was im Lande passiert, neben der Korruption, der Okkupation der ukrainischen Territorien von Russland und die schwierige Lage im Lande nimmt mich sehr mit. Viele positive und faszinierende Seiten eröffnet dieses Land, wenn man sich auf die Reise macht. Meine ersten Kindheitserfahrungen spielten sich inmitten der Natur ab. Und spätere Reisen unter Fremden zelebriere ich immer wieder in meiner Erinnerung.
 
eXperimenta: Eine letzte Frage betrifft noch einmal die Inspiration in Bezug auf Ihr tägliches Schaffen. Haben Sie bestimmte Rituale? Benötigen Sie gewisse Voraussetzungen, um kreativ werden zu können?

Oksana Kyzymchuk: Ich muss nur wissen, dass ich keinen Druck habe. Dass ich mir Zeit für mich und meine Kunst nehmen kann. Es ist intim und ich muss bei mir sein. Ich bin so dankbar, dass ich meinen Weg gehen darf. Ich lasse schönen Jazz oder klassische Musik im Hintergrund laufen, bei trübem Wetter zünde ich eine Kerze an, bereite eine Tasse Tee zu. Zwischendurch liebe ich es auch, mir Pausen einzuräumen und ein Stündchen ukrainische Lieder zu singen und an meinem Gesang zu arbeiten. Einfach zur Ruhe zu kommen und dem Pinsel einen rhythmischen Takt geben. Und alles passiert von selbst.

eXperimenta: Ich danke Ihnen sehr herzlich!


Das Interview mit Oksana Kyzymchuk für die eXperimenta führte Jens-Philipp Gründler.